»Positive Selbstführung«


Wie geht es Ihnen denn gerade? Kommen Sie ganz gut klar und können Sie die positiven Aspekte wie z.B. mehr Zeit mit der Familie oder weniger Geschäftsreisen sogar genießen? Oder merken Sie, dass die Kraft langsam weniger wird, dass der Frust steigt und Sie doch endlich, endlich Ihr normales Leben zurückhaben möchten? 
Corona ist für die meisten von uns eine Herausforderung: Unsicherheit, Unplanbarkeit, Sorge und Multitasking sind nur ein paar der Schlagworte, die zu dieser Zeit passen. 
Ich merke in meinen Coachinggesprächen: Bei vielen wird die Kraft weniger, es wird für viele Menschen immer schwieriger, mit der aktuellen Situation gut umzugehen. Die Zeit zermürbt, raubt Kraft und „das Fell wird dünner“.  
Gerade deshalb ist der Blick auf uns selbst so wichtig. Was können wir, gerade in diesen Zeiten, für uns tun, um uns zu stärken und gut durch diese Zeiten zu kommen? 


Hier kann uns das Konzept der positiven Psychologie Anregungen geben, die gerade in dieser Zeit hilfreich sind und die jeder von uns nutzen kann, um die eigene Kraft durch positive Emotionen zu stärken. 
Martin Seligman, ein amerikanischer Psychologe, der sich jahrzehntelang mit dem Thema der Depression und deren Heilungsmöglichkeiten beschäftigt hat, hat Ende der 90er Jahre die Blickrichtung der Psychologie verändert: Statt den Blick darauf zu legen, was Krankheiten lindern kann, war sein Aufruf, zu verstehen, was Menschen gesund und glücklich macht, was ein Leben lebenswert macht. Viel Forschung ist seitdem in diesem Bereich erfolgt, und die Ergebnisse zeigen: Ich selbst habe großen Einfluss darauf, wie es mir geht – ich kann mein Wohlbefinden steuern, auch in schwierigen Zeiten. Und mehr noch: Eine positive Grundhaltung, die genährt wird durch positive Emotionen, geht einher mit Resilienz: Wir können mit Schicksalsschlägen und schwierigen Situationen besser umgehen, wenn wir Positives in den Blick nehmen (vgl. Fredrickson, 2011). 
Die positive Psychologie weist deutlich darauf hin, wie wichtig es ist, unsere positiven Emotionen zu fördern, und das tun wir, indem wir den Blick auf sie richten: „Jeder Mensch, jedes Team … entwickelt sich in die Richtung, worauf sie ihre Aufmerksamkeit lenkt“ (David Cooperrider in Bonsen/Maleh 2012) – das heißt, wenn wir auch in schwierigen Zeiten den Blick auch auf das Positive richten, kann uns das helfen, für diese schwierigen Zeiten Kraft zu tanken. Das heißt nicht, dass wir ausblenden, was gerade nicht gut läuft, aber es heißt, den Blick auch ganz bewusst zu steuern auf das, was uns Kraft gibt.  
Und genau dafür möchte ich Ihnen in diesem Blog ein paar Anregungen geben – Handwerkszeug, um Kraft zu tanken und diese Herausforderungen gut zu meistern. 

Der positive Tagesrückblick: 
Die folgende Geschichte verdeutlicht die Bedeutung, auch die kleinen positiven Dinge im Alltag wahrzunehmen: Ein alter, weiser, glücklicher Mann wurde gefragt, was er mache, dass er so glücklich und zufrieden ist. Er antwortete: „Ich habe fünf Bohnen in meiner rechten Hosentasche. Während des Tages, wenn ich etwas Schönes erlebe, wenn ich Glück oder Zufriedenheit erlebe, nehme ich eine Bohne von der rechten in die linke Hosentasche. Am Abend sind dann alle Bohnen in der linken Tasche. Dann nehme ich sie mir nochmal heraus und überlege für jede Bohne, was der besondere Moment war, für den ich die Bohne von rechts nach links gelegt habe.“

Es gilt also das wahrzunehmen, was während des Tages schön ist, und am Abend sich dies nochmals zu vergegenwärtigen. Eine hilfreiche Methode dafür ist der positive Tagesrückblick (vgl. Blickhan, 2018):  
Nehmen Sie ein schönes Büchlein zu Hand (oder es gibt auch Apps, die dafür genutzt werden können), und nehmen Sie sich abends drei Minuten Zeit, drei Dinge aufzuschreiben, die heute schön waren. Das das können auch ganz kleine Dinge sein, wie z.B. die gemütliche Tasse Tee auf dem Sofa, das schöne Gespräch mit der Kollegin, der lustige Spieleabend mit den Kindern. Und nun überlegen Sie für jeden dieser Punkte, was Ihr Beitrag dafür war, dass dies zustande kommen konnte, und schreiben auch diesen auf. 
Eine wunderbare Methode, die wirklich nur kurze Zeit benötigt, die Ihnen aber ganz viele positive Emotionen beschert, und diese wiederum geben Kraft und Energie für die Herausforderungen. 

Der Mini-Urlaub (vgl. Blickhan, 2018)
Immer wieder höre ich auch, dass die Kraft schwindet, weil ja gar kein Urlaub in Sicht ist. Warten Sie mit dem Urlaub nicht auf die Nach-Corona-Zeit, sondern machen Sie doch immer wieder einen Mini–Urlaub: 

  • Sammeln Sie auf einer Liste Möglichkeiten, was Ihnen gut tut. Ideen dafür sind z.B. das Mittagsschläfchen, der Anruf bei einem guten Freund, der Spaziergang im Wald, das spannende Buch, das Sie lesen… Achten Sie bei Ihrer Liste darauf, dass Sie kürzere und längere Aktivitäten sammeln, dass Aktivitäten dabei sind, die Sie alleine ausführen können und welche, die Sie gemeinsam mit anderen machen. Sammeln Sie mindestens 20 Ideen für Ihre Mini–Urlaube. 
  • Nun planen Sie einige dieser Mini–Urlaube fest in Ihren Kalender – sie sollten genauso wichtig sein wie andere Termine. Achten Sie darauf, dass Sie mehrere Mini–Urlaube in der Woche eingeplant haben, und auch einige, die mind. 20 Minuten andauern – dieses Zeitfenster hilft beim inneren Abschalten.
  • Setzen Sie Ihre Mini–Urlaube um und genießen Sie diese!
  • Halten Sie Rückschau am Ende der Woche: Wie haben Ihnen die Urlaube gefallen? Wie haben Sie sich gefühlt? Und planen Sie wieder die nächste Woche mit Ihren Mini–Urlauben.    

    Systemisch formuliert: Gestalten Sie Ihr soziales System so, dass es Ihnen guttut. Halten Sie Kontakt zu Personen, die Ihnen guttun (sei es über Vikos, Telefon …); machen Sie sich das Positive bewusst; schaffen Sie sich Regeln (zum Beispiel zwischen den Vidokonferenzen 5 Minuten vor die Tür gehen). Richten Sie sich die Umwelt ein (das kann auch der Blumenstrauß neben dem Bildschirm sein). Und vor allem: Halten Sie das Positive in Erinnerung.


    Ich lade Sie ein, diese Anregungen auszuprobieren – sie brauchen nicht viel Zeit, aber sie sind wirkungsvoll, machen Spaß und tun einfach gut. Genießen Sie diese positiven Emotionen und stärken Sie sich für die Herausforderungen der aktuellen Zeit!

    Literatur: 

    • Matthias zur Bonsen und Carole Maleh (2012): Appreciative Inquiry (AI): Der Weg zu Spitzenleistungen: Eine Einführung für Anwender, Entscheider und Berater (Beltz Weiterbildung) 
    • Daniela Blickhan (2018): Positive Psychologie: Ein Handbuch für die Praxis 
    • Barbara L. Fredrickson (2011): Die Macht der guten Gefühle: Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert 

     

    Autorin

    Mareike König 

    »Es begeistert mich, wenn Menschen im Coaching Zugang zu ihren Ressourcen finden und neue Lösungsoptionen entstehen.« Das Thema Ressourcenorientierung ist für Mareike König ein Highlight in Coachingprozessen. Seit über 15 Jahren begleitet Mareike König Einzelpersonen und Teams in Coachingprozessen. 

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