SOB-Refresher 2026 Castelfranco Veneto · 30. Juli bis 1. August 2026
Vom 30. Juli bis 1. August 2026 traf sich der SOB-Refresher erneut in Castelfranco Veneto in der Provinz Treviso. Dreizehn Teilnehmende und vier Trainerinnen und Trainer — Prof. Dr. Eckard König, Dr. Gerda Volmer, Mareike König und Yannik Fleer — arbeiteten drei Tage lang an einem Thema, das derzeit kaum eine Organisation unberührt lässt: Resilienz als Antwort auf wachsende Komplexität.
In welcher Welt Organisationen heute operieren
Den Ausgangspunkt bildete die Frage, in welcher Welt Organisationen heute eigentlich operieren. Das vertraute Kürzel VUCA beschreibt eine Umwelt, die volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig ist. Die neuere Zuspitzung BANI geht noch einen Schritt weiter: Sie nimmt in den Blick, dass Strukturen brüchig werden, Menschen mit Angst reagieren, Entwicklungen nicht mehr linear verlaufen und selbst gut begründete Erklärungen unverständlich bleiben. Wo VUCA also vor allem Unübersichtlichkeit benennt, beschreibt BANI, was diese Unübersichtlichkeit mit Organisationen und den Menschen darin macht.
Hinzu kam ein Gedanke aus der Komplexitätsforschung, der auf den ersten Blick sperrig klingt, aber sehr anschaulich ist: die selbstorganisierte Kritikalität. Das klassische Bild dafür ist ein Sandhaufen. Über lange Zeit rieselt Korn für Korn hinzu, ohne dass sichtbar etwas passiert — bis ein einzelnes weiteres Korn eine Lawine auslöst. Systeme können sich also über Jahre unauffällig in einen Zustand hineinentwickeln, in dem eine kleine Störung große Wirkung entfaltet. Für Beratung heißt das: Der auslösende Anlass und die eigentliche Ursache eines Zusammenbruchs sind selten dasselbe.
Ein drittes Ordnungsangebot lieferte das Cynefin-Framework. Es unterscheidet Situationen danach, wie klar der Zusammenhang von Ursache und Wirkung ist — von einfach über kompliziert und komplex bis chaotisch. Der praktische Nutzen liegt in der Konsequenz: Was in einer komplizierten Lage angemessen ist, nämlich Analyse und Expertise, wird in einer komplexen Lage zum Problem. Dort hilft nur, zu experimentieren und aus der Reaktion des Systems zu lernen. Damit war die Leitfrage gestellt: Welche Art von Widerstandsfähigkeit braucht es eigentlich in welcher Lage?
Resilienz als Eigenschaft sozialer Systeme
Im Zentrum stand dann ein dezidiert systemisches Verständnis von Resilienz. Nicht als individuelle Eigenschaft besonders robuster Personen, sondern als Eigenschaft sozialer Systeme. Entlang der Systemfaktoren wurde das durchbuchstabiert: Personen und ihre sozialen Netzwerke, subjektive Deutungen wie Sinn, Selbstwirksamkeit und psychologische Sicherheit, soziale Regeln in Gestalt von Routinen und Ritualen, Regelkreise mit Musterunterbrechung und Exnovation, und schließlich die materielle Umwelt und die Frage nach Systemgrenzen. Ergänzt wurde das durch eine Prozessperspektive: Ressourcenaufbau, Antizipation, Coping und Neuorganisation als Phasen, die Beratung jeweils unterschiedlich adressieren muss.
Der Praxisteil brachte konkretes Handwerkszeug mit: die Visualisierung sozialer Systeme im Beratungsgespräch, das Zürcher Ressourcen Modell, Design Thinking als Innovationsmethode sowie ein Blick auf agentische künstliche Intelligenz in Beratung und Organisation — ein Thema, das im Kreis erfahrener Beraterinnen und Berater erwartungsgemäß für lebhafte Diskussion sorgte.
Ein Ort, der zum Weiterdenken einlädt
Was den Refresher auch in diesem Jahr ausmachte, war die Verbindung von fachlicher Tiefe und einem Ort, der zum Weiterdenken einlädt. Die Kombination aus konzentrierter Arbeit, kollegialem Austausch und italienischen Abenden schafft eine Lernatmosphäre, die sich in Seminarräumen so nicht herstellen lässt.
Der nächste Refresher ist bereits terminiert: vom 29. bis 31. Juli 2027, erneut in Castelfranco Veneto.